Krankenhausmomentaufnahme

Kurzmitteilung

Wenn Menschen  die Tür zu einem Krankenhaus passieren, haben sie dabei die unterschiedlichsten Empfindungen. Je nach dem, was in ihrer Vergangenheit in Bezug auf jene weißen Wände geschehen ist, kann es sich daie sowohl um Freude, Sorge oder Angst handeln.

Vielleicht denkt der Arzt schon an seine erste OP für diesen Tag oder hofft, dass dieser neue Tag besser verläuft, als der Gestrige. Bitte keine Verluste mehr.

Vielleicht ist dieser Mensch auch ein besorgter Besucher, angerufen von der Notaufnahme – gehetzter Blick, schnelle Schritte – auf der Suche nach einem Ansprechpartner. Der Beucher mit dem Blumenstrauß – in sich hinein lächelnd, nach der Zimmernummer suchend.

Vielleicht betritt aber auch ein Patient dieses große, verwirrende Gebäude. Sobald es ihn und seine Sorgen geschluckt hat, gibt es kein zurück mehr.

Der Patient bekommt ein Zimmer, die Anweisung die bereitliegende Kleidung anzulegen, ein Plastikarmband mit Namen und Strichcode, damit er im OP nicht verwechselt wird. Und mit dem Ablegen seiner Kleidung, seines Schmucks seiner persönlichen Sachen, legt er auch seine Identität ab.

Alles, was noch von ihm übrig ist, ist sein Körper und die Angst.

 

Ich bin dieser Patient. In einem weißen, offenherzigen Kittel gehüllt, mit Netzhöschen und grell blauen Anti-rutsch Socken sitze ich halb aufrecht in meinem Bett. Es ist kühl im Zimmer, draußen sind -2 Grad und man sieht wunderschöne Eiszapfen vor dem Fenster hängen.

Warten, warten und Angst. Weniger gewartet, als gedacht – die Tür schwingt auf und ein Schwall Krankenhausgeräusche dringt mit der Person ins Zimmer, die mich abholen soll.

Das Bett fliegt über weiße Gänge, an weißen, anonymen Zimmern und langen weißen Gängen vorbei. Weiße Schatten, weiße Wände, die auf mich zukommen. Meine Blicke bleiben an Menschen hängen, Ihre an mir.

Fahrstuhl in den Keller, verlassene Gänge. Klingeln.

Eine Tür öffnet sich, ein großer junger Typ in grüner OP-Kleidung steht dort und seine Stimme lässt ein Lächeln vermuten – “Hi, ich bin Linus und ich operiere dich heute“ – ich erkenne anhand der sympatischen Stimme den Arzt vom Vorgespäch am vorherigen Tag.

Als mein Bett im Vorraum des OPs steht und die schwere Tür hinter mir geschlossen wird, sind sofort mindestens 5 Menschen um mich herum, verwickeln mich in ein Gespräch und helfen mir in den OP-Saal auf die Liege, Sie ist kalt und brennt einen kurzen Moment an meinem nackten Rücken.

Ich liege und sofort passiert alles auf einmel. Routinierte, sichere und schnelle Handgriffe – Reden, ablenken, fragen welche Musik ich hören will, Wärmedecke, Pulsmessgerät, Elektroden auf der Brust, piepender Herzmonitor, OP-Haube, Zugang in der linken Hand, Atemmaske.

Während der erste Song bei YouTube aus den Boxen schallt, bekomme ich schon den Begrüßungscocktail in meine Venen gedrückt. Schweres Gefühl im Kopf, Stimmen von weit weg – keine Zeit für Angst – schwarz.

 

Wieviel Zeit ist vergangen? Wo bin ich und wie bin ich wieder in mein Bett gekommen? Schmerzen, der Nebel in meinem Kopf lichtet sich so langsam. Ich nehme Stimmen wahr – die meiner Mutter, aber auch andere,

Eine andere identitätslöse Frau in einem Bett, ihr Freund dicht daneben. Meine Mutter mit erwartungsvollem Blick am Fußende meines Bettes. Ich hänge am Tropf und die Braunüle brennt unter der stetig fließenden Kochsalzlösung, die monoton und  unbarmherzig tropft und tropft. Mir ist kalt, sehr kalt. Meine Beine zittern unter der Decke und mein Körper verkrampft.  Ich versuche mich mit Gesprächen abzulenken, bis das Schmerzmittel wirkt und ich schlafen kann..

Meine Zimmergenossin wird rausgeschoben, nun ist die Kellermaschinerie bereit für ein weiteres Opfer. Bei dem Gedanken an den grünen Saal überkommt mich ein seltsames Gefühl des ausgeliefert seins – Was haben sie dort gemcht während ich schlief, was gesagt oder gedacht? Haben sie, während sie in meinem Körper rumwühlten ein Hörbuch gehört oder sind diese schwammigen, wabernden Wortfetzen in meinem Gedächtnis  nur eine Anneianderreihung von Cocktailgedanken meines Unterbewusstseins? Ich werde es wohl niemals erfahren.

Als ich wieder aufwache, ist die Frau wieder da – ihr Freund sitzt auf der Bettkannte, hält ihre Hand, tröstet sie – sie liegt zusammengekauert und zittert.

Neben mir sitzt auf einem Stuhl meine Mutter, sie liest, schaut auf als sie merkt, dass ich wach bin. Redet.

Eigentlich sollte hier jemand anderes sitzen..

 

“Es ist schon wieder dasselbe Gefühl,
Wenn ich durch das Fenster seh‘.
Und ich fall‘ nochmal in jene Sekunde,
In der ich wusste, du gehst.

Du hast doch schon so oft vor jedem Sturm
Deine Angst in meine Arme gelegt.
Bei jedem Wind, den ich spür‘, frag‘ ich mich,
Wer jetzt mit dir durch den Regen geht.
Wie lange tut es noch weh?
Und wann geht es vorbei?
Wie lange braucht die Zeit,
Um uns’re Wunden zu heil’n,
Bis man sie irgendwann vergisst?“
Staubkind – Vorbei

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